Medizinrecht

Unterlassene Blutzuckerbestimmung

RA Stefan Krappel
27.12.2018
OLG Hamm, Urteil vom 4.12.2018 — Aktenzeichen: 26 U 9/16

Sachverhalt

Die Klägerin, vertreten durch ihre Eltern, hat den beklagten Facharzt für Frauenurkunde und Geburtshilfe als Belegarzt in Anspruch genommen.

Nach einer im Wesentlichen unkomplizierten Geburt traten in der Folgenacht bei der Klägerin Komplikationen auf, sie war schlapp und an den Händen und Füßen blau. Der hinzugerufene Beklagte erschien unmittelbar und führte eine Reanimation durch. Es konnte eine Stabilisierung der Klägerin erreicht werden.

Nach Verlegung in eine Kinderklinik traten bei der Klägerin wenige Stunden später cerebrale Krampfanfälle bei ausgeprägter Hypoglykämie auf. Der zu diesem Zeitpunkt erstmals gemessene Blutzuckerwert von 15 mg/dl stabilisierte sich nach Glukosezufuhr. Die Kreislaufverhältnisse waren instabil.

Die Klägerin leidet unter einem Grad der Behinderung von 100 %, ist hör- und sehbehindert und erheblich in der Entwicklung verzögert.

Das Landgericht hatte die Klage zunächst wegen Verjährung, nach Rückverweisung dann nach Beweisaufnahme abgewiesen.

Entscheidung

Das OLG Hamm hat das landgerichtliche Urteil aufgehoben und den Beklagten u.a. verurteilt, ein Schmerzensgeld in Höhe von 500.000,00 € an die Klägerin zu zahlen.

Der Arzthaftungssenat hat die gerichtlich bestellten Sachverständigen angehört und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der Schaden durch einen groben Befunderhebungsfehler ausgelöst worden ist. Zwar seien die von den behandelnden Ärzten und dem Beklagten ergriffenen Maßnahmen zur Stabilisierung des Neugeborenenzustands kurzfristig ausreichend gewesen, nachdem sich der Körperzustand und die Sauerstoffsättigung nachweislich normalisiert hatten.

Nach Auffassung des Senats wäre aber eine Blutzuckerbestimmung vor der Verlegung in die Kinderklinik im Nachgang zu der akuten Notfallsituation differentialdiagnostisch erforderlich gewesen, da alle gezeigten Symptome mit einer Unterzuckung in Verbindung gebracht werden konnten. Zwar hatte der Senat aufgrund eines Privatgutachtens auch zu prüfen, ob nicht die Reanimationsmaßnahmen im Vordergrund standen. Jedenfalls aber nach Stabilisierung der Werte, wäre genug Zeit gewesen, eine Blutzuckerbestimmung durchzuführen; diese gehöre zur normalen täglichen Routine eines jeden Gynäkologen und zum Standard eines niedergelassenen Kinderarztes; ein Ergebnis läge im besten Fall schon nach 20 Sekunden vor.

Ferner entlastete den Beklagten nicht, dass die eigentliche Notfallbehandlung von einem (hier streitverkündeten) Kinderarzt durchgeführt wurde. Denn unabhängig davon, ob man eine gemeinsame oder nur unterstützende Behandlung annimmt, hätte der Beklagte selbst erkennen müssen, dass der streitverkündete Kinderarzt die erforderliche Blutzuckerbestimmung nicht veranlasst hatte.

Die Nichtdurchführung der gebotenen Untersuchung ordnete der Senat als grob mit entsprechenden Folgen für die Beweislast ein, denn es handele sich um eine einfache und schnelle Maßnahme, die zum absoluten Stand gehöre, während die Folgen bei einem Unterlassen für ein Neugeborenes ganz fatal sein können.

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